Hundeerziehung – Beziehung und Bindung

Die Basis der Hundeerziehung – Beziehung und Bindung

Auch wenn wir direkt vorweg schieben möchten – Hunde sind nicht zu vermenschlichen aber dennoch kann Hundeerziehung – mit deutlichen parallelen zur Kindererziehung – nur auf der Basis einer gesunden und vor allem sozial ausgerichteten Mensch-Hund-Beziehung erfolgen.

Ausschließlich konditionierter Druck im klassischen Sinne von Sitz, Platz oder Fuß entspricht dabei sicher nicht dem modernen oder intelligenten Gedanken der Hundeerziehung, wenngleich dieses System immer noch auf sehr vielen Hundeplätzen anzutreffen ist. Dier Kehrseite ist ebenfalls nicht zu empfehlen – scheinbar moderne Strategien einer völlig „zwangfreien“ Vermittlung erzieherischer Grundlagen birgt unverkennbare Risiken, die häufig zu unerwünschten Verhaltensauffälligkeiten infolge Orientierungslosigkeit beim Vierbeiner führen.

In erster Linie funktioniert eine gute Hundeerziehung dann, wenn deren Schwerpunkt auf sozialen und nicht materiellen Mechanismen aufgebaut wird. Diese häufig vernachlässigten sozialen Mechanismen beinhalten, neben einer soliden Vertrauensbasis zwischen Beziehungspartnern, selbstverständlich auch den Aufbau einer Ausgewogenheit zwischen bedürfnisgerechter Freiheit und notwendiger Grenzen.

Erzieherische Grundlagen schaffen

Wenn wir eine sozial intakte Beziehung inklusive Bindungselemente als Basis der Hundeerziehung ansehen, müssen wir auch die Qualität von Beziehung und Bindung beurteilen können.

Was macht eine gute Beziehung aus?

Gute Beziehungen sind meist relativ locker, entspannt, harmonisch und vor allem aber sind sie unkompliziert. Die Beziehungspartner erleben das Miteinander im Alltag in Teilen gemeinsam, sie können aber auch losgelöst voneinander den Alltag bewältigen. Beide profitieren voneinander und können einen Teil ihrer Bedürfnisse durch das Zutun des anderen befriedigen. Ein tägliches Nehmen und Geben, welches das Leben und den Alltag der Beziehungspartner harmonisch bereichert. Auch die Qualität der Bindung lässt sich ganz gut vom Hundehalter selbst beurteilen.

Sobald im Alltag beim Vierbeiner eine weitgehende Balance zwischen Außenfokus und Innenfokus vorherrscht, ist alles in Ordnung!

Solche Hunde begegnen ihrem Umfeld mit Eigeninitiative und Neugierde (Außenfokus), zeigen aber auch eine gewisse Anhänglichkeit beziehungsweise Abhängigkeit (Innenfokus) ihren Besitzern gegenüber. Wenn der Hund beispielsweise beim Spaziergang neugierig die Nase vorne hat und alles Mögliche erkundet, dann zeigt er einen Außenfokus. Unterbricht er aber dabei immer wieder sein exploratives Verhalten und sucht durch erkennbare Eigeninitiative die (soziale) Nähe seines Besitzer (Innenfokus), dann kann durchaus von einer Bindung die Rede sein.

Allerdings hat es nichts mit Bindung zu tun, wenn ein Hund immer wieder die Nähe seines Besitzers sucht, um eventuell eine Leckerchen zu bekommen. Auch der erfolgreiche Rückruf des Hundes gibt keinen Hinweis auf die Bindung sondern ist unter anderem nicht mehr als eine konditionierte Gehorsamsleistung.

Soziale Bindung enthält keine materiellen Werte

Die soziale Bindung muss völlig isoliert von materiellen Einflüssen stehen, sonst können wir nicht mehr von Bindung sprechen. Am typischen Beispiel Leckerchen wird schnell bewusst, dass Leckerchen als regelrecht soziale Killer auftreten können. Hundebesitzer, die nicht verstehen, Futtergaben gezielt einzusetzen, werden häufig in ihrer Beziehung zum Hund ein „Dealer-Junkie-Syndrom“ erleben. Solch fehlkonditionierte Hunde laufen nur noch dann zu ihrem Besitzer, wenn sie Lust auf ein Leckerchen verspüren. Ansonsten haben sie kein oder nur wenig Interessen an ihren Menschen.

Muss Bindung überhaupt sein?

Die generelle Frage steht aber im Raum, in wieweit eine intakte Mensch-Hund-Beziehung überhaupt Bindungselemente benötigt. Auch in einer lockeren Beziehung, die ohne wesentliche Bindungselemente versehen ist, kann Erziehung sehr gut funktionieren! Das zeigen beispielsweise Tierheimmitarbeiter, wenn sie im Umgang mit vergleichsweise vielen Hunden auf einer meist überwiegenden Beziehungsbasis auch ohne nennenswerte Bindungsstrukturen ein weitgehend solides erzieherisches Fundament herstellen.

Es bedarf somit nicht der Exklusivität eines sozialen Bindungspartners, wenn Hundeerziehung erfolgreich sein soll. Sehr wohl aber zeigen die Erfahrungen in der Praxis, dass erzieherische Erfolge unter Einbeziehung sozialer Bindungselemente nachhaltiger und zuverlässiger sein können. Nachvollziehbarer dürfte in diesem Zusammenhang sein, dass sich der „Will-To-Please-Aspekt“ in einer bindungsorientierten Beziehung intensiver zeigen kann, als in einer bloßen Beziehung. Das macht im Ergebnis die Hundeerziehung im Einzelfall etwas einfacher.

(Quelle: Buch Udo Gansloßer – Bindung und Beziehung – Textauszug von Thomas Baumann)