Verbesserung der Beziehung und Bindung

Verbesserung der Beziehung und Bindung

Alles wirkliche Leben ist Begegnung – Martin Buber

Es handelt sich um eine Binsenweisheit, aber dennoch ist sie beim Betrachten der Mensch-Hund-Beziehung immens wichtig: Genau wie unsere Hunde, sind auch wir Menschen hochsoziale Lebewesen mit ähnlichen Grundbedürfnissen. Beziehungen verschiedenster Art und Qualitäten bestimmen unser Leben – genau genommen bereits vorgeburtlich durch die fein abgestimmte Interaktion zwischen Fötus und Mutter, auch auf neurobiologischer Ebene. Wir sind unser Leben lang ständig in unterschiedliche soziale Interaktionen involviert. Ob in der Familie, im Kindergarten, in der Schule, oder in der Uni, am Arbeitsplatz und im Freundeskreis: Beziehungen begleiten unsere Biografie vom Säuglings- bis zum Greisenalter. Die Begriffe „Beziehung“ und „Bindung“ umgangssprachlich nur auf die zweibeinige Kernfamilie zu beziehen, greift daher viel zu kurz. Beziehungen können u.a. sicher oder unsicher, zeitlich begrenzt oder dauerhaft sein. Egal wie intensiv: Ständig bewegen wir uns in einem mehr oder weniger engmaschigen Beziehungsgeflecht, knüpfen neue oder pflegen bestehende Kontakte und beenden jene, die sich als unwichtig oder enttäuschend erweisen. Wir Zweibeiner sollten also eigentlich hochgradig kompetent sein, was das Thema „Beziehungsmanagement“ betrifft….. In der Theorie….

Beziehungen sind kein reines, menschliches Privileg

Beziehungen aufzubauen und zu untermalen, ist kein reines, menschliches Privileg. Zum Glück – denn andernfalls zählten Hunde wohl kaum zu unseren bevorzugten Haustieren. Sie sind dank des Jahrtausende dauernden Domestikationsprozesses in der Lage, zu uns Menschen, also aufrecht gehenden Säugetieren einer nicht verwandten Art, eine sehr enge und vertrauensvolle Beziehung aufzubauen.

Auch wenn es viele Menschen angesichts ihrer vielfach distanzlosen Liebe zu Hunden oft anders empfinden: Homo sapiens sind keineswegs Artgenossen ihrer Canis lupus familiaris! Das Vermögen, Vertreter einer fremden Spezies über die Artgrenzen hinweg dennoch als Quasi-Mitglieder der eigenen sozialen Gruppe zu akzeptieren und ihnen zu vertrauen, ist in der Tierwelt nicht an der Tagesordnung! Wenn auch zwischen einigen anderen Arten in freier Wildbahn, etwa bei Wölfen oder Raben, feststellbar, wie Günther Bloch beobachtete.

Hunde und Menschen verbindet also eine Gemeinsamkeit

Beide Arten sind stammesgeschichtlich auf Beziehung und Bindung programmiert. Beste biologische Voraussetzungen, um eng miteinander zu kooperieren und dafür vertrauensvolle Bindungen einzugehen.

Bindungsmerkmale

Was meint „Bindung“ überhaupt? Worin zeigt sie sich? Und wie lässt sich eine gesunde Beziehungsqualität zwischen Mensch und Hund herstellen?

Bei der Bindung handelt es sich um eine Beziehung von ganz besonderer, intensiver und exklusiver Qualität.

Bindungspartner werden nicht beliebig ausgewählt

Kommt jemand für diesen hohen Status in Frage, muss er schon das gewisse Etwas haben, welches seine Nähe sozial erstrebenswert macht. Hunde sind nur bereit, sich jemanden eng anzuschließen, der dieser Rolle würdig ist. Dafür muss er spezifische Fähigkeiten mitbringen, die sich am besten mit den eigenen Talenten ergänzen (Augen auf bei der Rassewahl) Zu so einer Persönlichkeit lässt sich gut ein solides Bindungsvertrauen aufbauen. Oft finden auch andere Mitglieder der sozialen Gruppe den Auserwählten attraktiv und konkurrieren als Mitbewerber um ihn.

Das alte Prinzip von Angebot und Nachfrage

Ist er als Bindungspartner heiß begehrt, steigen die Aktien den Kandidaten noch mehr. Die Hinwendung zu ihm erfolgt freiwillig und hat oft auf den ersten Blick keinen unmittelbaren existentiellen Vorteil. Viele Hunde fressen zwar den Keks aus der Hand eines Fremden, würden sich ihm deshalb aber aus freien Stücken noch lange nicht eng anschließen.

Der Auserwählte besitzt also eine soziale und emotionale Wertigkeit und Einzigartigkeit für sein Gegenüber

Der Auserwählte wird von ihm nicht nach Lust und Laune ausgetauscht oder gar grundlos fallen gelassen. Man ist sich vertraut und hatte genug Gelegenheit, um sich kennenzulernen und seinen positiven Eindruck zu überprüfen. Nicht jede Begegnung ist also gleich eine Beziehung oder stellt gar ein enges Bindungsverhältnis dar.

Die enge Beziehung
Die enge Beziehung zeichnet sich im Alltag durch regelmäßige und häufig gezeigte soziopositive Kontakte (etwa durch pflegerisches Belecken, Fellpflege oder gemeinschaftliches Ruhen auf demselben Liegeplatz) pro Zeiteinheit aus. Man mag sich also nicht nur gerne, man zeigt es dem anderen auch immer wieder und unterstreicht so das gute Verhältnis. Die auf diesem Wege deutlich bestätigte Zuverlässigkeit des sozialen Gefährten ist besonders wichtig, wenn potentiell gefährliche Aktionen wie etwa das Erkunden von neuem Terrain anstehen. Mit ihm in Rücken entsteht weniger Stress. Und wenn es doch aufregend oder riskant wird, lässt sich die Anspannung in Anwesenheit des Bindungspartners aufgrund neurologischer Vorgänge leichter und schneller wieder abbauen als ohne ihn.
Gefahr von Beziehungsstress

Nicht nur zwischenmenschliche soziale Verbindungen sind sehr facettenreich. Sie sind auch innerartlich zwischen Hund und Hund enorm flexibel. Und sie bergen jede Menge Konfliktstoff und Raum für Missverständnisse zwischen den Sendern und Empfängern der Kommunikationssignale. Besonders zwischen Mensch und Hund, denn jedes Individuum greift notgedrungen auf sein eigenes Verhaltensrepertoire zurück. Fremdsprachen und ihre Übersetzungsfehler…..

Die Tatsache, dass wir unsere Hunde gerne gnadenlos vermenschlichen und diese unsererseits „verhundlichen“ (Günther Bloch) beinhaltet ein erhebliches Potential für „Beziehungsstress“.

Nicht jede Botschaft, die zwischen Mensch und Hund ausgetauscht wird, ist demnach klar vom Sozialpartner zu entschlüsseln oder kommt zur passenden Zeit in optimaler Reizstärke bei ihm an. Zu unangemessenen harten Reaktionen, die die Beziehung belasten, kommt es besonders leicht unter Stress, wenn emotionale Kontrollmechanismen versagen und vorrangig der ausrastende Zweibeiner nur noch rot sieht. Traditionelle Hundeerziehung, die häufig mit unangemessenen Strafreizen arbeitet, nimmt die Belastung der Mensch-Hund-Beziehung entweder billigend in Kauf oder ist sich der dadurch erzeugten Aufregung nicht bewusst. Konstruktive Bindungsarbeit, die die positive Verstärkung in den Vordergrund stellt, senkt dagegen den Stresspegel auch auf körperlicher Ebene, stärkt das Vertrauen ineinander, erhöht die Selbstsicherheit, verbessert die Kommunikation und harmonisiert das Miteinander weit über das eigentliche (Erziehungs)Problem hinaus.

 

(Quelle: Buch Udo Gansloßer – Bindung und Beziehung – Textauszug von Perdita Lübbe Scheuermann, Frauke Loup)