Der Hund und sein schweres Los mit dem Mythos…

Wir wollen uns heute mal dem ein oder anderen Mythos widmen.

Auf den folgenden zwei Gebieten ist der Mythos am größten, dass Wissen darüber am geringsten:

  1. Das Verhalten des Hundes

d.h. die genetische Begabung und die Zwänge oder Vorgaben, mit denen der Hund ausgestattet ist, und

  1. Das Lernen des Tieres

d.h. die praktischen Grundlagen dafür, wie Erfahrung das Verhalten der Hunde und anderer Tiere einschließlich uns selbst beeinflusst.

Der Mensch lernt durch operante & klassische Konditionierung – ein Mythos?

In dieser Hinsicht sind Menschen dem Hund gleich. Etwas anders als Hunde, sind Menschen aber die besseren Meister im Lernen durch Beobachtung und Einsicht (Hunde tun dies auch – aber bedingter). Zur Übermittlung von Gedanken bedienen Menschen sich der gesprochenen Sprache. Wir Menschen sind in der Lage, uns gedanklich von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft zu bewegen und abstrakt um Ecken zu denken. Wir verinnerlichen uns Werte, die uns durch Belohnung und Strafe gelehrt wurden. Die meisten Menschen entwickeln Qualitäten wie Mitgefühl und Gewissen, einen Sinn für Richtig oder Falsch. Wenn Menschen sich ihren Werten entsprechend verhalten, gibt es ihnen ein Gefühl von Selbstsicherheit, von Integrität.

Dies alles geht Hunden völlig ab

Sie sind vollständig und aus sich heraus egoistisch. Sehr wahrscheinlich lernen Hunde fast ausschließlich durch operante & klassische Konditionierung. Es gibt kaum Beweise dafür, dass sie durch Beobachtung oder Nachahmung lernen, auch wenn einige ihrer Verhaltensweisen durch ihr soziales Umfeld gefördert werden. Deswegen sind sie nicht dümmer oder weniger wert als zu der Zeit, als wir noch dachten, ihr Denkvermögen entspreche dem unsrigen.

Dies zu erkennen, ist von immenser Bedeutung.

Hunde lernen gut. Sie können ganz feine Unterschiede in ihrer Umgebung wahrnehmen. Sie haben einen unglaublichen Geruchsinn. Sie können sich in einem komplexen sozialen Umfeld bewegen. Sie verfügen über ein reiches Gefühlsleben.

Aber sie denken nicht abstrakt!

Sie haben keine Moral. Sie können nicht mental durch Raum und Zeit vor- und zurückschreiten. Sie verstehen die menschliche Sprache nicht, obwohl sie natürlich lernen können, die Bedeutung gewisser Worte zu unterscheiden. Sie sprechen nicht, aber sie verknüpfen ein Wort(laut) mit einer Handlung. Wir wissen an der Stelle, dass viele Menschen nun sehr enttäuscht sein werden – aber bitte lassen Sie es sich noch einmal durch den Kopf gehen – haben Sie schon jemals einen Hund reden hören?!

Diese Pille zu schlucken sollte eigentlich nicht allzu schwierig sein, untergräbt sie aber doch, die auf Intelligenz begründete gesellschaftliche Diskriminierung, jegliche realistische Einschätzung der Hunde. Zumindest offiziell verurteilen wir alle die Diskriminierung auf Grund von Rasse, Geschlecht, Alter und Körpergröße, doch bleibt die Intelligenz als Wertstabmaß erhalten und ist so ungemein subtil. Es bleibt dieses überkommene Überlegenheitsgefühl.

Hunde sind Multitalente

Aber sind sie eben leider nicht so gescheit wie der Mensch (dies ist auch fraglich, aber das ist ein ganz anderes Thema) Anscheinend fasziniert uns der Gedanke, Hunde könnten.

Warum bedienen Menschen sich bei der Beurteilung einer anderen Spezies immer wieder dieses einen Maßstabs, der Intelligenz?

Weil Menschen das natürlich schon immer getan haben….

Wann wird der Mensch beginnen, bei Hunden all das wirklich Faszinierende zu sehen, was die Intelligenz ganz nebensächlich macht? Die Unterscheidungsfähigkeit der Hunde bei der klassischen Konditionierung, ihre Fähigkeit, die Nase einzusetzen, sich in einem komplexen sozialen Umfeld zurechtzufinden, ihre Gefühle und die Bindung an uns, all dies sind riesige Themenbereiche, unter denen die „Intelligenz“ in einem ziemlich mageren Bändchen Platz findet, genauso mager wie ein Buch über die Fähigkeiten des Menschen, Bomben zu erschnüffeln oder mittels Echo zu loten.

Wir Menschen sehnen uns nach Anekdoten über geniale Hunde, und derer gibt es viele. Jeder kennt eine Geschichte, die veranschaulicht, wie „gescheit“ Hunde sind.

Eine grundlegende Frage wurde von den Verfechtern des Denkvermögens von Hunden allerdings niemals beantwortet, und diese lautet: Wenn Hunde zu solch großartigen Gedankengängen fähig sind, warum zeigen sie diese nicht stets und immer? Warum nie unter kontrollierten Bedingungen? Was einem an diesen Behauptungen am meisten auf den Wecker geht ist der Mangel an Rationalität. Es stört, dass der Wert der Hunde auf Mythen und Übertreibungen beruhen soll, als ob ihr reales Wesen nicht schon ausreichen würde…

Sie haben ihren Wert, weil sie Hunde sind.

Sie müssen mental nicht aufgewertet werden. So wie sie sind, sind sie wertvoll und wunderbar. Sobald der Mensch ihnen Intelligenz und Moral zuspricht, weisen wir ihnen auch die damit einhergehende Verantwortlichkeit zu.

Mit anderen Worten: Zerstört der Hund absichtlich und böswillig das Mobiliar, obwohl er ja genau weiß, dass es falsch ist, so fühlt er sich schuldig und hat eine Bestrafung verdient, oder etwa nicht? Und das ist genau das, was die Hunde im Übermaß bekommen haben – Strafen. Menschen setzen sie allen erdenklichen Arten von Strafen aus, weil wir ihre Fähigkeiten zu denken, überschätzen.

Das „Mythos Modell“ beschert den Hunden Probleme, die sie nicht lösen können, und bestraft sie dann auch noch dafür. Und das traurigste ist, dass die meisten Hunde die Strafe hauptsächlich mit ihren Besitzern in Verbindung bringen.

Das eröffnet völlig neue Perspektiven, warum wir sie angeblich soooo lieben. „Weil sie ja so gescheit sind“ – oder nicht?

Die Lerntheorie ist die beste Möglichkeit über die wir verfügen, um das Verhalten unserer Hunde zu verstehen und zu verändern. Sie ist die effektivste Möglichkeit und diejenige, die eine möglichst geringe Belastung für den Hund und die Beziehung zwischen Mensch und Hund mit sich bringt.

Von allen Fenstern, die Menschen für die Kommunikation mit Hunden zur Verfügung stehen, ist das der operanten Konditionierung am meisten geöffnet. Wir sollten anfangen, uns dessen zu bedienen.