Das Problem vom „Nein“ sagen in der Hundeerziehung

Die Theorie klingt einfach: Erfolg hat, wer konsequent bleibt.

Doch wenn der beste Freund seinen Charme spielen lässt, geraten gute Vorsätze oft in den Hintergrund. Über das schwierigste Kapitel in der Hundeerziehung: das angemessene Grenzensetzen.

„Dass falsche oder unerwünschte Verhaltensweisen keine Konsequenzen nach sich ziehen, ist ein im gesamten Tierreich unbekanntes Phänomen. Dort wird sanktioniert, zunächst freundlich, aber auch sehr eindeutig, wenn es sein muss“, weiß der Hundetrainer Michael Grewe. Im Menschenreich ist das häufig anders. Zwar geht es auch hier in Sachen Hundeerziehung im Wesentlichen um zwei Verhaltensmuster: „Ich will das nicht, also lass es sein“ und „Damit bin ich einverstanden, das machst du gut“. Aber eben nur theoretisch.

Allzu oft macht unser Gefühl gegenüber Hunden dem konsequenten Handeln einen Strich durch die Rechnung. Das schiefe Köpfchen, der treue Blick, das leise Fiepen machen es nicht leicht, ein gesundes Gleichgewicht zwischen dem Ja und dem Nein zu finden. Schließlich wollen wir unserem treuen Freund ebenfalls ein treuer Freund sein, der Gutes gibt und über manche Unzulänglichkeit gelassen hinwegsieht. Das Problem ist nur: Es gelingt nicht immer. Denn Bello kommt nicht zuverlässig zurück, wenn wir ihn rufen. Er lungert am Tisch nach Futter, er zieht an der Leine und springt, wenn auch nur aus Freude, fremde Menschen an. Das wiederum bringt uns in Rage und schürt innerlich den Wunsch, auch einmal Nein zu sagen. Fragt sich, wie?

„Die meisten Schwierigkeiten und Konflikte entstehen, weil der Mensch nicht in der Lage ist, Nein zu sagen, obwohl er es möchte. Er kann sich nicht abgrenzen, sich nicht deutlich genug ausdrücken“, behauptet der dänische Familientherapeut Jesper Juul. An dem, was einfach klingt, scheiden sich die Geister. Selbst in der Literatur findet man wenig Eindeutiges. Es gibt zwar zahlreiche Leitfäden über erzieherischen Hundesport wie Dogdance, Flyball oder Obedience, aber kaum einer verrät, wie man sich dem Hund gegenüber durchsetzt, wenn er das, was ihm beigebracht wurde, nicht ausführen will, trotz Einsatz von Leckerlis, Streicheleinheiten und anderen Verführungsstrategien. Oder sind gerade diese das Problem? Was vielfach fehlt, ist die klare Ansage, das Nein in der Hundeerziehung. Die Folge: Viele Halter resignieren, weil es ihnen nicht gelingt, unerwünschtes Verhalten abzustellen, und sie immer seltener Konflikte mit dem Hund gewinnen. Letztlich tolerieren sie nach vielen vergeblichen Erziehungsversuchen, dass der Hund mehr oder weniger macht, was er will, und passen sich ihm an.

Fehlende Grenzen schaden der Beziehung

„Keine Grenzen zu setzen zerstört eine Beziehung genauso wie unvernünftiges Strafen, weil der Hund dann die Menschen nicht respektiert und sich nicht um ihre Wünsche kümmert“, sagt Edith Blechschmidt, Ausbilderin von Rettungs- und Behindertenbegleithunden. Ihrer Meinung nach ist „ein Grenzensetzen fair. Denn ich erlebe oft Menschen, die von den unerwünschten Verhaltensweisen ihrer Hunde total genervt sind, aber nicht konsequent Grenzen setzen, nach dem Motto: Ich kann doch nicht immer … Wenn ich aber ständig merke, der andere ist von mir genervt, ich aber gar nicht genau weiß, warum, belastet auch das die Beziehung. Fairer wäre es, meinem Gegenüber mal zu sagen: Du, das hier nervt total, lass das doch! Am Ende schränken wir Hunde, mit denen wir Probleme haben, auf Flexileinenfreiheit ein, nur weil wir nicht in der Lage sind, unseren Teil der Erziehungsarbeit zu leisten.“

„Vom Klaps bis zum Schreck in unterschiedlichen Intensitäten ist beim Nein alles drin“, weiß Trainer und Canis-Chef Michael Grewe. Er schließt Strenge unbedingt in gesunde Hundeerziehung ein. „Das ist mit Frustrationsübungen doch genauso. Der Hund lernt es jetzt auszuhalten, damit er in Zukunft damit kein Problem hat. Sicher, es sieht anfangs hart aus, dem jammernden Welpen einmal nicht seinen Wunsch zu erfüllen, jetzt gleich mit anderen Hunden zu spielen, sondern ihm abzuverlangen, stattdessen ruhig bei uns zu bleiben. Härter ist es aber, den ausgewachsenen Hund nicht mehr mitnehmen zu können, weil er ununterbrochen jammert, wenn er nicht sofort das bekommt, was er will. Da ist das Nettsein am Ende gar nicht so nett.“

Auch der amerikanische Psychologieprofessor Stanley Coren mahnt in seinem Buch „Wie Hunde denken und fühlen“ zur richtigen Dosis und dem richtigen Zeitpunkt der Korrektur: „Viele Menschen beginnen mit einer leichten Bestrafung, einem kleinen Stoß, und steigern die Intensität, wenn der Hund nicht entsprechend reagiert. Dabei ist problematisch, dass Hunde mit der Zeit eine gewisse Widerstandskraft gegen körperliche Bestrafungen entwickeln. Ist der Hund nicht gerade wehleidig, bleiben leichte Strafen wirkungslos. Ist die Strafe dagegen zu hart oder wird der Hund häufig geschlagen, bekommt er Angst und reagiert mit Verstecken oder duckt sich und versucht, den Kontakt mit der Bezugsperson zu vermeiden“ – was die denkbar schlechteste Voraussetzung darstellt, dem Hund etwas beizubringen.

Coren beschreibt ein Experiment, bei dem Hunde sofort zurechtgewiesen wurden, sobald sie ihre Schnauze in einen verbotenen Futternapf steckten. Eine Vergleichsgruppe ließ man erst fünf Sekunden, eine weitere zehn Sekunden lang fressen, bevor sie mit einem Hieb bestraft wurden. Als die Hunde später mit dem verbotenen Futter allein im Raum blieben, brauchte die erste Gruppe, die sofort bestraft worden war, zwei Wochen, ehe sie sich traute, das verbotene Futter zu fressen, Hunde der zweiten Gruppe warteten acht Tage, die der dritten Gruppe dagegen nur drei Minuten.

Grenzen setzen, Freiraum bieten

„Erziehung ist kein romantisches Projekt, an dem sich die Hundehalter den ganzen Tag glücklich spiegeln können. Grenzen setzen und Freiraum bieten gehören immer zum intakten Zusammenleben mit Hund dazu“, sagt der Trainer Michael Grewe.

Wäre der Wald vergiftet, würde kein Hund jagen. Mit diesem Bild verdeutlicht der Hofer Mantrailing-Experte Armin Schweda seinen Schülern gern, dass sich weniger über Methoden, sondern mit der richtigen inneren Einstellung selbst die anspruchsvollsten Ziele erreichen lassen. Wäre der Wald vergiftet, würde man nämlich erstens sofort, zweitens nachdrücklich und drittens immer reagieren, sobald der Hund nur eine Pfote breit vom Weg abkommt. In diesem Moment übernehmen wir die Führung, handeln authentisch und unverkrampft. Würden wir in banaleren Situationen entsprechend schnell, intensiv und konsequent reagieren, gäbe es wohl keine Probleme mit zuverlässigem Gehorsam.

„Im häuslichen Bereich setzen die meisten Leute das auch um, zumindest bei dem, was ihnen wichtig ist“, erklärt Armin Schweda. „Wer einen jungen Hund hat und nicht möchte, dass er sich an den Möbeln zu schaffen macht, wird kaum versuchen, ihn stundenlang mit dem Kommando Platz in die Mitte des Zimmers zu legen“, so der Experte. „Wir erwarten in so einer Situation, dass der Hund sich entsprechend verhält. Tut er es nicht, machen wir ihm sofort unmissverständlich klar, was wir davon halten. Das funktioniert draußen genauso.“

Mögliche Wege, nein zu sagen

Vorbeugen und vorausschauend handeln

Antizipation ist das beste Mittel, um jegliches Strafen zu verhindern. „Ich kann natürlich abwarten, bis mein Kind auf die heiße Herdplatte fasst, und dann sagen: Siehst du, das passiert. Ich könnte aber auch Barrieren bauen oder vorm Berühren einen Warnschrei loslassen. Genau diese Einstellung brauchen wir bei Hunden“, meint Trainerin Claudia Wagner. Ein Hundeleben hat viele heiße Herdplatten, die oft lebensbedrohlich sind, und der Hund kann sie nur einmal ausprobieren. So spricht nichts dagegen, ihn anzuleinen, wenn man sich beim Spaziergang unterhalten möchte. Hat der Hund noch nicht gelernt, auf seinem Platz zu warten, wenn Besucher klingeln, kann man ihn anbinden oder die Zimmertür schließen. Es ist nur fair, einen Hund, der noch nicht ausgebildet ist, davor zu bewahren, Fehler zu machen, statt ihn dauernd zu bestrafen.

Fazit: Wer umsichtig denkt und handelt, präsent ist und Verantwortung übernimmt, wird zum Leader, dem Hunde gern folgen. Je mehr das gelingt, desto überflüssiger werden Strafen.

Das A und O: die Konsequenz

Jeder Halter wünscht sich einen Hund, der an lockerer Leine läuft. Wer Strafen missbilligt und lieber jedes Mal stehenbleibt, bis die Leine locker ist, braucht Geduld. Ist man konsequent genug, kommt man auch ohne Strafen ans Ziel. Manche Hundehalter überfordern sich aber mit dem Anspruch, keine Fehler zu machen und den Hund nie zu bestrafen. Wer seine eigenen Bedürfnisse verleugnet, fühlt sich rasch genervt, sagt halbherzig Ja und wirkt dadurch ambivalent. Wer nicht eindeutig sagt, was ihm missfällt, wird leicht zum Opfer, womit niemandem gedient ist. Wer nachts des Öfteren aufwacht, weil ihn der Hund im Bett stört, sollte ihn wegschicken!

Fazit: Je klarer und selbstsicherer sie Ihre eigenen Wünsche artikulieren, desto besser lernt Ihr Hund Sie kennen und weiß, was Sie gutheißen und was Sie ablehnen. Hunde kennen kein Vielleicht. Je deutlicher wir uns ihnen gegenüber ausdrücken, desto leichter können sie das richtige tun.

Die körperliche Begrenzung

Nicht jedes körperlich vermittelte Nein ist schmerzhaft. Den Hund mal zur Seite zu schubsen, vom Mauseloch wegzudrängen oder ruhig festzuhalten, um ihn zu begrenzen, tut nicht weh, zeigt aber auch Wirkung. Ob man dadurch den Hund von stark trieblich motivierten Handlungen wie dem Jagen abhalten kann, hängt oft mit der inneren Einstellung des Menschen zusammen.

Fazit: Je entschlossener der Mensch ist, sich durchzusetzen, um so weniger hart muss er eingreifen. Mentale Stärke wiegt körperliches Einschreiten auf. Gelingt diese Entschlossenheit nicht, hilft nur vorausschauendes Handeln oder zum Beispiel Anleinen.

Sanft erziehen

Statt den Hund zu maßregeln, wenn er in der Leine hängt und zu einem Artgenossen will, wartet Trainerin Claudia Wagner lieber so lang, bis der Hund sich kurz nach hinten orientiert, und sei es nur zufällig und ohne weitere Absicht. In dem Moment, in dem sich die Leine lockert, lässt sie den Hund los. Wagner räumt ein, dass es ein langer Lernprozess ist, bis der Hund auf diese Weise begriffen hat sich zurückzunehmen und erst nachzufragen, ob er gehen darf.

Fazit: Es ist wünschenswert und möglich, auf Strafen zu verzichten, unter Umständen aber langwierig, weil der Alltag Überraschungen bereithält, die nicht auf dem Lehrplan stehen.

Der Schreckreiz

Ein situationsbezogenes „Hey!“, wie es Clarissa von Reinhardt empfiehlt, ein Händeklatschen, ein plötzlicher Richtungswechsel oder unerwartetes Verhalten des Hundeführers können dabei helfen, dass anschließend positive Lernimpulse gesetzt werden können.

Fazit: Arbeitet man mit Schreckreiz, will der schnelle Wechsel gelernt sein. Reagiert der Hund auf ein „Hey“ oder Händeklatschen, folgt prompt ein freundliches „Komm her“ oder „Schau mich an“, das belohnt werden kann.“

Eine Auszeit geben

Viele Trainer sehen im sozialen Isolieren eine Alternative zur körperlichen Strafe. Um soziale Übergriffe wie raues Spiel, Knabbern, Springen oder Betteln abzustellen, wird der Hund für eine Zeit in einem anderen Raum allein gelassen. Diese Form der Strafe erinnert an den Kohlenkeller, in den früher unartige Kinder kamen. Sie fügt dem Hund keinen körperlichen Schmerz zu, entzieht ihm aber etwas Angenehmes, nämlich die Nähe seines Menschen, und damit die Möglichkeit, Zuneigung zu erfahren und sozial zu interagieren. Diese Vorgehensweise ist umstritten, zumindest wenn die Auszeit länger als ein paar Minuten dauert: „Für ein soziales Lebewesen wie den Hund ist das eine knallharte Strafe“, so der Verhaltensforscher Günther Bloch, der diese Art des Neins eher ablehnt.

Fazit: Die kurze Auszeit bewahrt vor impulsiven Handlungen und Fehlern, die nicht rückgängig zu machen sind. Aber es ist fraglich, ob Hunde hier Ursache und Wirkung miteinander verknüpfen können: Kaniden maßregeln sich gegenseitig nicht durch soziales Isolieren. Einschränkung von Bewegung wie ihn auf seinen Platz schicken und dort Fixieren ist kanidentypisch.

Den Hund links liegen lassen

Hier wird mit Nichtbeachtung bestraft, man blickt und läuft quasi durch ihn hindurch. Die Theorie dahinter besagt, dass Hunde nur das tun, was für sie lohnend ist. Wird ein Verhalten nicht durch Aufmerksamkeit bestärkt, lässt er es irgendwann. Das funktioniert jedoch nur eingeschränkt, denn gerade viele unerwünschte Verhaltensweisen sind selbstbelohnend: Es macht einfach Spaß, Postboten zu vertreiben, nach Mäusen zu buddeln und alles zu jagen, was flieht. Wird hund dann ignoriert, kann er sich ungestört austoben.

Fazit: Beim Ignorieren muss man unterscheiden: Ist das Verhalten des Hundes selbstbelohnend, wirkt diese Erziehungsmethode nicht. Außerdem sollte man sie nicht anwenden, wenn Fremde betroffen sind und angesprungen oder gestellt werden. Lästiges Betteln lässt sich mit Konsequenz aber abstellen.

 Ohne Grenzen geht es nicht

… auch wenn der Begriff unpopulär ist. Dabei können Grenzen so behütend sein, es kommt immer darauf an, von welchem Standpunkt aus man schaut. Eine gute Strategie ist, so früh wie möglich vorausschauend und fürsorglich zu handeln, um Fehler zu verhindern und folglich Strafen weitgehend zu vermeiden. Das kann je nach Situation aktiv sein, durch ein eindeutiges „Ich will das nicht!“, oder passiv zum Beispiel durch rechtzeitiges Anleinen. Zugegeben, das gelingt nicht immer. Es gibt diese Tage, an denen wir langsam sind, an denen wir nicht aufpassen oder eine Situation falsch einschätzen und der Hund rauft, jagt, klaut oder etwas zerstört. Manchmal ist es sinnvoll, sein Fehlverhalten dann zu ignorieren, bisweilen ist es wirkungsvoller, als ihn zu bestrafen. Ob man es deswegen tut, ist eine andere Frage. Falls man sich dafür entscheidet, dann sollte man es richtig tun, nämlich unmittelbar und mit der nötigen Intensität. Denn wenn der Wald vergiftet wäre …

Text: Astrid Nestler

Quelle: DOGS MAGAZIN