Kleine Hunde erziehen!

Kleine Hunde erziehen!

Mal angenommen, die Welt stünde für einen Tag Kopf. Die Besitzer von Rottweilern, Schäferhunden, Malamutes, Doggen und Dobermännern sind dauerverzückt, rufen „Ei, wie putzig er ist!“ und „Oh, wie süß!“, wenn ihr Tier Frauchens Schoß bewacht. Sie finden, er sei „mutig, der große Kerl“, wenn er zähnefletschend in der Flexileine hängt. Halter von Yorkshireterriern, Papillons und Pinschern verlangen hingegen striktes Beifußlaufen oder schicken ihr Tier auf Entfernung ins Platz, wenn ihnen ein Radfahrer entgegenkommt. Und wehe, er knurrt!

Vielleicht würde ein solcher Tausch helfen, ein Mittelmaß zu finden, die einen nicht zu sehr zu verzärteln und die anderen weniger zu kommandieren. Dass große Hunde meist bessere Manieren haben als kleine Hunde, ist verständlich und wesentlich angenehmer als umgekehrt. Klar ist auch, dass ein kleiner Hund keine Extrawürste braucht, stattdessen einen Halter, der sich nicht so leicht um den Finger wickeln lässt. Natürlich sehen wir bei einem Zwergdackel vieles gelassener als bei einem Riesenschnauzer. Bloß tut das den Hunden nicht immer gut. Sie lernen schnell, uns Zweibeiner zu manipulieren oder gar zu tyrannisieren.

Was bei großen Hunden Pflicht ist, nicht zu jagen, allezeit abrufbar und leinenführig zu sein, ist beim Kleinhund eher die Kür. Aber die Anstrengung in der Erziehung lohnt, vor allem für das Tier. Denn auch kleine Hunde laufen lieber frei als an der Flexileine. Doch der Hemmschuh ist der Mensch, der vor lauter Entzücken über die Niedlichkeit des Hundes die Disziplin vergisst.

Kleine Hunde zeigen viel Lerneifer und gehören nicht rumgetragen

„Meine Kollegin Iris Franzke und ich haben momentan zwei fast gleich alte Welpen“, erzählt Petra Führmann, Leiterin der Hundeschule Aschaffenburg und Mitautorin des Ratgebers „Kleine Hunde – Große Freude“. „Iris hat eine kleine Hündin aus meinem letzten Chihuahuawurf und ich habe einen Langhaarschäferhund. Wenn Bente, die Chihuahuahündin, im Welpenkurs ein simples Platz zeigt, sagen alle bewundernd Ah und Super. Bei meinem Schäferhund ruft das keineswegs die gleiche Begeisterung hervor. Bei ihm ist das ja normal. Dies zeigt sehr anschaulich, dass kleine Hunde einfach nicht ernst genommen werden. Schlimm wird es, wenn das auch bedeutet, dass sie nicht genügend Auslauf bekommen und nur herumgetragen werden“, so die Erziehungsexpertin.

Kleine Hunde sind keineswegs dümmer als große und Arbeitshunderassen wie Terrier, Dackel oder Pinscher sogar schwerer zu erziehen als reine Begleithunde. „Gerade die Schoßhunde bringen viel Lerneifer und eine große Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit, oft mehr als so mancher Labrador, Ridgeback oder Beagle“, weiß Petra Führmann. Doch selbst sie ist vor dem Charme der Minis nicht gefeit und gibt offen zu, ihre Zwerge gern zu verwöhnen.

Kleine Hunde nicht über einen Kamm scheren

Die Übergänge zwischen Verwöhnen und Rücksichtnahme sind fließend. „Natürlich gelten für alle Hunde die gleichen Lerngesetze, und damit ist auch die Art und Weise, wie man ihnen sinnvollerweise etwas beibringt, die gleiche“, erklärt Führmann. „Gerade bei den Kleinsthunden sind die Ansprüche der Halter aber andere. Meine Chihuahuas müssen keinesfalls in einer Pfütze Platz machen, von meinem Schäferhund erwarte ich das durchaus.“

Aber unabhängig davon, ob er in einer Pfütze liegen muss oder auf einem Kissen ruhen darf, wer seinem Mops, Malteser, Papillon, Toy- oder Zwergpudel eine Erziehung zuteil werden lassen will, hat es schwerer als der Besitzer eines größeren Tiers. Er muss nicht nur gegen die Versuchung ankämpfen, das niedliche Wesen ständig zu verzärteln, sondern muss außerdem viel Körpereinsatz zeigen. Kleinhundehalter müssen sich häufiger bücken, noch besser: in die Hocke gehen, um ihren Vierbeiner richtig zu bestätigen. „Mit den herkömmlichen Methoden ist es oft schwieriger, bei den Minis ein Platz zu trainieren, weil es etwas schwerer hervorzulocken ist“, sagt Petra Führmann. „Sie mit Futter ins Platz zu lotsen, klappt oft nicht, weil es den kleinen Hunden nicht so schnell unbequem wird, sich zu bücken“, erklärt sie und empfiehlt für die Ausbildung der Zwerge daher einen Klicker. „Durch das Klicken kann man punktgenau bestätigen, statt ständig vor ihnen auf die Knie zu sinken.“

Menschen, die kleine Hunde haben, tun sich erfahrungsgemäß schwerer, den Hund auch einmal selbstständig irgendetwas machen zu lassen, weil sie besorgter um ihr Tier sind. Zu Recht, denn „das größte Problem bei den Kleinen ist die Sozialisierung mit Artgenossen“, weiß die Hofer Trainerin Edith Blechschmidt aus eigener Erfahrung. Beim Spielen kann es leicht passieren, dass der Stöpsel als Beute betrachtet wird oder zumindest als bequemes Mobbingopfer. Zahlreiche Kleinhundebesitzer trauen sich daher nicht, ihren Zwerg mit anderen toben zu lassen, nicht einmal mit anderen Zwergen.

Kleine Hunde an der Leine

Ein weiteres Defizit in der Erziehung von kleinen Hunden ist nach Erfahrung von Edith Blechschmidt, „dass viele Minis nie richtig lernen, ohne Leine zu laufen. Sie haben wenig Grundgehorsam und sind nicht zuverlässig abrufbar. Ihre Halter haben deswegen Angst, die Hunde einfach mal abzuleinen und im Park miteinander rennen zu lassen“, erklärt Blechschmidt, die selbst einen kleinen und einen großen Hund hält, einen Chihuahuamischling und einen Belgischen Schäferhund. „Durch den wenigen Freiraum entwickeln sich viele zu regelrechten Flexileinenmonstern“, so die Trainerin.

Mangelhafte Sozialisierung, schlechte Erfahrungen mit Artgenossen und Halter, die ängstlich oder zu wenig umsichtig sind, führen dazu, dass viele Kleinhunde sich an der Leine so monströs aufführen wie der „Hund von Baskerville“ aus dem Buch von Arthur Conan Doyle. Dabei ist es nicht immer nur Unsicherheit des Menschen, die durch die Leine spürbar ist. Oft wird, meist zu Beginn, darüber gelacht, dass der kleine Hund an der Leine kläfft, was dem das Gefühl geben kann, sein Verhalten sei geradezu gewollt. Es ist aber wichtig, unerwünschtes Verhalten nicht zu verniedlichen und dem Gernegroß Bellattacken nicht durchgehen zu lassen.

Kleine Hunde brauchen Schutz

Der schützende Arm ihres Besitzers ist immer dann nötig, wenn die Gefahr besteht, dass der Kleine getreten oder eingezwängt wird. Manchmal auch, um eine Konfrontation mit Artgenossen zu umgehen, obwohl es die Gefahr birgt, dass der fremde Hund dann an uns hochspringt. Sozialer Austausch mit Artgenossen ist für jeden Hund wichtig, aber den Mini dabei so zu managen, dass er nicht gefährdet wird, und ihn gegebenenfalls zu beschützen, erfordert viel Fachwissen und Übung. „Bei Hundebegegnungen nehme ich inzwischen vorsichtshalber meine Kleinhunde auf den Arm, wenn mir ein Hund entgegenkommt, der entweder offensichtlich nicht durch seinen Menschen kontrolliert werden kann, sehr ungestüm wirkt oder möglicherweise aggressiv ist“, erklärt Petra Führmann.
„Das bedeutet natürlich eine Gefährdung für mich selbst. Die nehme ich aber in Kauf. Erst wenn ich davon überzeugt bin, dass der andere Hund freundlich und ruhig genug ist, darf mein Kleinhund nach Absprache mit dem anderen Besitzer Kontakt aufnehmen. Früher war ich, wie viele heute noch, der Meinung, dass der Kleinhund auf keinen Fall ständig hochgenommen werden sollte. Mehrere wirklich schlimme Begegnungen für meine erste Chihuahuahündin, die gejagt, gemobbt und völlig verängstigt wurde, während der jeweilige Besitzer entweder nicht in der Lage war, seinen Hund zu stoppen, oder es gar nicht erst versucht hat nach dem Motto: Der will nur spielen, haben mich jedoch Vorsicht gelehrt.“ Im Training sollte Wert darauf gelegt werden, dass der Hund in stressigen Situationen zu seinem Menschen flüchten kann und dort auch tatsächlich Schutz erfährt, empfiehlt Trainingsexpertin Führmann.

Trotz aller Vor- und Umsicht, so unbeschwert wie die Besitzer von großen Hunden können Kleinhundehalter ihren Vierbeiner nicht mit anderen toben lassen. Ein stürmischer Labrador oder ein tapsiger Berner Sennenhund ist für einen Zwergpinscher eine Gefahr. Kraft und Motorik sind einfach zu unterschiedlich. Hundehalter sollten also lernen, rechtzeitig zu erkennen, wann es ihrem Dreikäsehoch zu viel wird. Dann ist es wichtig einzugreifen und dem Kleinen zu helfen. Das bedeutet, ihn gegen Große zu beschützen, was nicht immer einfach und mitunter sogar gefährlich sein kann. Selbstsicheres Auftreten und eine eindeutige Körpersprache sind daher das A und O.

Kleine Hunde: gute Erziehung ist wichtig

Den Umgang mit großen Hunden sollten deshalb gerade auch die Halter von kleinen erlernen. Ein Vierbeiner, der nur ein paar Kilo wiegt, lässt sich leicht kontrollieren. Dass man sich zutraut, einen Weimaraner, der den Kleinhund als Beute entdeckt hat, zu stoppen und vor allem, wie, kann ein Hundetrainer unterrichten.

Zuletzt eine Bitte, denn diese Szene kennen wir alle: Der Yorkshireterrier an Geschirr und Leine schnüffelt hingebungsvoll am Laternenpfahl. Die Halterin will weiter, und statt den Hund anzusprechen, rastet die Flexileine ein, und der kleine Hund schwebt ein paar Meter weiter. Wie respektlos das ist, ist vielen Menschen gar nicht klar. Der Hund bekommt keine Chance zu reagieren. Dagegen hilft nur eins: den Yorkie mal gegen einen Rottweiler zu tauschen. Auch dies lässt sich in der Hundeschule ausprobieren.

Quelle: Dogs Magazin

geschrieben von Astrid Nestler